Bunte, handgemalte Regenbogenbögen in Pastellkreide.

Internationaler Tag gegen Rassismus: Warum präventive Antirassismus-Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe unverzichtbar ist

Antirassismus ist Qualitätsarbeit im DRK: Wie wir beispielsweiße durch unser Modellkitaprojekt Kinder stärken, Strukturen verändern und Haltung zeigen.

Jedes Jahr erinnert uns am 21. März der Internationale Tag gegen Rassismus daran, dass Diskriminierung nicht abstrakt ist, sondern im Alltag präsent ist. Für viele Kinder und Jugendliche sind diskriminierende und rassistische Erfahrungen real – manchmal sichtbar, oft subtil aber immer folgenreich.

Beispielweise in unseren DRK-Kitas wird deutlich, wie eng Fragen von Schutz, Zugehörigkeit und Respekt mit der Qualität unserer pädagogischen Arbeit verbunden sind. Aber auch wie wir als Personen in unseren Positionen und Teams gefordert sind, blinde Flecken zu erkennen und gerade dort Verantwortung zu übernehmen.

Rassismus ist ein strukturelles Problem

Rassismus wirkt auch dort, wo wir es gut meinen. Studien aus Sozialer Arbeit, Bildungsforschung und Rassismuskritik zeigen deutlich:

Zu den häufigsten Mustern gehören: Kulturalisierung und Stereotypisierung. Damit ist gemeint, dass z.B. das Verhalten von Familien vorschnell mit „Kultur“ erklärt wird. Komplexe Lebenslagen wie Armut, psychische Belastungen durch Flucht, fehlende Zugänge zum Gesundheitssystem, verschwinden dadurch hinter vorschnellen, pauschalen Zuschreibungen.

Wie Rassismus die Kinder- und Jugendhilfe beeinflusst

Die aktuelle Studie des Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung DeZIM e.V. zeigt besonders deutliche Muster in drei Feldern der Kinder- und Jugendhilfe:

1. Jugendamt / Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD)

Fachkräfte berichten von Unsicherheiten, Abwehr und fehlenden Reflexionsräumen. Defizitorientierte Logiken und fehlende Fortbildungen begünstigen Stigmatisierungen und verschiedene Diskriminierungsformen. Besonders betroffen davon sind: Schwarze Kinder, Romnja und Sintizze sowie geflüchtete Familien.

2. Familiengericht

Gerichte gelten als neutral, was gleichzeitig Selbstreflexion erschwert. Rassismus wird selten thematisiert, und weiße Normvorstellungen prägen häufig persönliche Bewertungen von privaten Familienleben. Anders als Großbritannien hat Deutschland keine verpflichtende Gleichbehandlungsverpflichtungen der öffentlichen Hand („Public Sector Equality Duty“).

3. Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA)

Jugendliche berichten von vermehrten Rassismuserfahrungen in den Einrichtungen der OKJA, wie oft diese Vorfälle zur Sprache gegenüber pädagogischer Fachkräfte kommen ist nach wie vor schwer zu erfassen. Findet Selbstreflexion in diesen Fällen nicht statt, führt das zur Reproduktion von Diskriminierung und Ungerechtigkeit.

Ergänzend zeigen Interviews im Rahmen der NaDiRa-Kurzstudie: Rassismus in der Kita: Bereits in Kitas machen junge Menschen Rassismus-Erfahrungen. Sie berichten zum einen, dass Bücher und anderen Spielmaterialien die gesellschaftliche Pluralität nicht abbilden. Kinder lernen so die tatsächliche Vielfalt möglicher Identitäten und Lebensformen nicht kennen und ihnen fehlen Identifikationsfiguren.

Gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche

Rassismuserfahrungen sind keine einzelnen „Vorfälle“, die spurlos bleiben. Sie wirken tief und langfristig in Form von: Scham, Hilflosigkeit, Unsicherheiten im Selbstbild, Rückzug aus Unterstützungsangeboten und der langfristigen Einschränkungen in Entwicklung und Bildung junger als auch älterer Menschen.

Diese Belastungen sind strukturell und sie sind vermeidbar. Genau hier sollten wir präventiv ansetzen!

Präventive Antirassismusarbeit durch strukturelle Veränderung

Buntstifte liegen kreisförmig auf weißem Papier. In der Mitte verlaufen zahlreiche Linien in verschiedenen Farben, die von den Stiften ausgehen und sich kreuzen. Am oberen Rand sind zwei gezeichnete Kinderfiguren mit unterschiedlichen Hauttönen und Frisuren zu sehen.

Die Studie des DeZIM e.V. macht deutlich: Eine rassismus- und machtkritische Praxis existiert in der Kinder- und Jugendhilfe bislang nur in Ansätzen. Was es braucht ist präventive Antirassismusarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe, um Strukturen schaffen zu können, die Diskriminierungsformen, wie Rassismus nicht erst nachträglich bearbeiten, sondern von vornherein verhindern. Strukturelle Veränderung wird möglich durch: verpflichtende Fortbildungen zu Rassismuskritik und Machtverhältnissen, transparente und niedrigschwellige Beschwerdewege, unabhängige Anlaufstellen und mehr Vielfalt in Personal-Teams.

Früh ansetzen für präventives und nachhaltiges Wirken gegen Rassismus: Die DRK Modellkitas für Demokratie und Vielfalt

Seit 2025 setzt das bundesweite Projekt „Modellkitas für Demokratie und Vielfalt“ einen klaren Schwerpunkt: Antirassismus als Kern demokratischer Bildung in der frühen Kindheit. Dabei rückt besonders die Stärkung von Kita-Leitungskräften und Fachkräften in den Fokus. Sie gestalten die Rahmenbedingungen, in denen Kinder Demokratie und Vielfalt erleben und Zugehörigkeit erfahren.

Das Projekt zeigt: Diskriminierungsprävention beginnt im Kita-Alltag. Vielfalt und Mitbestimmung werden partizipativ mit den Kindern gestaltet. Die Fachkräfte-Teams gestalten Strukturen, die Teilhabe ermöglichen. Das beginnt schon ganz niedrigschwellig bei Spielgegenständen, wie beispielweiße diverse Puppen oder Kinderbücher, die unsere vielfältige Gesellschaft abdecken.

Die Modellkitas senden damit ein starkes Zeichen: Antirassismus ist Qualitätsarbeit und Demokratiebildung ist fester Bestandteil des Kinderschutzes.

Unsere Verantwortung im DRK:

Als Deutsches Rotes Kreuz tragen wir gesellschaftliche Verantwortung gegenüber Kindern, Jugendlichen Familien und unseren eigenen Strukturen. Sie geht jedoch noch weiter: Antirassismus ist Ausdruck unserer gelebten Rotkreuz-Grundsätze.

Unser Grundsatz: Menschlichkeit

Der erste Grundsatz des Roten Kreuzes umfasst die Würde jedes einzelnen Menschen zu schützen ohne Ausnahme. Rassismus fügt Kindern und Familien nachweislich psychisches, soziales und strukturelles Leid zu. Deshalb ist antirassistische Prävention nicht nur fachlicher Anspruch, sondern Kern unseres humanitären Auftrags als DRK.

Unser Grundsatz: Neutralität

Neutralität bedeutet, dass wir uns für den Schutz von Menschenrechten und gegen jede Form von Diskriminierung einsetzen. Gerade deshalb ist es unsere Aufgabe, institutionelle Rassismen sichtbar zu machen und zu verändern, damit unser Handeln tatsächlich neutral, gerecht und menschenwürdig bleibt.

Rassismuskritik als Bestandteil professionellen Handelns

Für mich als Referentin Kinder- und Jugendhilfe bedeutet das:

Rassismuskritik sollten wir nicht als Zusatz verstehen, sondern vielmehr in unserem Alltag und in unseren Strukturen mitdenken. Nur so wird sie fester Bestandteil qualitativ hochwertiger Fachlichkeit. Sie gehört in Fortbildungen, Qualitätsentwicklungen, Leitbilder, Teamsitzungen und Fallbesprechungen. Zusammen mit dem Mut, Fehler zu machen, sich einzugestehen und daraus zu lernen, denn das gehört ganz klar zum Lernprozess.

Der Internationale Tag gegen Rassismus erinnert uns: Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz, Respekt und faire Behandlung. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass dieses Recht für jedes Kind gilt und das präventiv, verlässlich und täglich auf’s Neue.