
Als Ela (*Name geändert) zu uns in die Kita kam, war spürbar: Diese Welt war zu groß für sie. Sie sprach kein Wort, kommunizierte nicht, verstand unsere Regeln nicht. Alles war für sie gleichzeitig zu laut, zu schnell, zu nah und zu unvorhersehbar. Schon am ersten Tag hielt sie sich die Ohren zu, weinte viel, schlug um sich. Sie suchte verzweifelt nach Orientierung.
Uns war schnell klar: Nicht das Kind muss sich an die Kita anpassen – wir müssen uns an das Kind anpassen.
Zuerst ging es nicht ums Lernen – nicht um Sprache, nicht um Teilnahme. Es ging um Sicherheit. Wir reduzierten Anforderungen, schufen Rückzugsmöglichkeiten und begleiteten Ela in einer 1:1-Betreuung. Eine feste Bezugsperson wurde ihr Anker im Alltag: Sie begleitete sie durch alle Übergänge, erklärte Situationen ruhig und wiederholend und schirmte sie vor Reizüberflutung ab. Da Lautstärke ein Hauptstressfaktor war, bekam Ela geräuschdämpfende Kopfhörer. Zum ersten Mal blieb sie im Raum – ohne zu weinen. Das war ein Erfolg.
Da verbale Sprache nicht funktionierte, mussten wir unsere Kommunikation grundlegend verändern. Wir führten für alle Kinder ein:
Plötzlich geschah etwas Entscheidendes: Ela begann zu handeln statt zu reagieren. Sie zeigte auf Bilder, führte uns zu Karten, nutzte erste Gesten. Sie hatte eine Stimme – ohne zu sprechen.
„Seit wir mit Symbolen arbeiten, erklären die Kinder sich gegenseitig den Tag – wir sind oft gar nicht mehr die Hauptübersetzer.“
Uns war schnell klar: Das schaffen wir nicht allein. Das Team holte sich Unterstützung von außen und bildete sich gezielt weiter:
Durch Fortbildungen und Hospitationen verstanden wir "Wahrnehmung" besser: Viele Verhaltensweisen waren Ausdruck von Überforderung. Wir lernten, Reize zu dosieren statt Verhalten zu korrigieren. Die anfängliche Skepsis im Team – „Macht das nicht mehr Arbeit?“ oder „Brauchen das wirklich alle Kinder?“ – wich einer zentralen Erkenntnis: Die Strukturen und Symbole sind kein Zusatz für einzelne Kinder. Sie helfen allen.
Die Kita-Leitung trug Verantwortung dafür, dass Inklusion im Alltag tatsächlich gelebt werden kann: durch die Sicherstellung von Fortbildungen für alle Mitarbeitenden, die Teilnahme an Leitungsrunden und Netzwerktreffen, die Koordination externer Kooperationspartner sowie durch regelmäßiges Feedback und Reflexion. Nur mit diesen strukturellen Voraussetzungen konnte das Team seine Arbeit leisten.
Die Eltern von Ela waren von Anfang an eng eingebunden. Durch regelmäßige, bewusst geplante Gespräche entstanden gleiche Strukturen in beiden Lebenswelten. Diese Kontinuität zwischen Kita und Zuhause war ein entscheidender Faktor für das Sicherheitsgefühl des Kindes.
Nach und nach wurde aus dem überforderten Kind ein aktiver Teil der Gruppe. Ela nutzt heute Gesten, akzeptiert Nähe, nimmt teil, zeigt Interesse und beginnt zu spielen. Für alle Kinder bedeutete der veränderte Alltag: mehr Selbstständigkeit, weniger Missverständnisse, mehr Teilhabe.

Inklusion bedeutet in unserem Fall nicht, dass das Kind lernen musste, wie Kita geht. Inklusion bedeutet, dass wir gelernt haben, wie Ela die Welt wahrnimmt. Nicht Sprache war der Schlüssel. Nicht Förderung. Sondern:
Erst als wir die Umgebung veränderten, konnte Ela in der Kita wirklich teilhaben.
Solche Arbeit gelingt nicht allein durch Haltung. Sie braucht auch die richtigen Rahmenbedingungen. Eine gut ausgestattete Infrastruktur der frühen Bildung ist die Voraussetzung dafür, auf jedes einzelne Kind und seinen individuellen Bedarf einzugehen – und gleichzeitig die gesamte Gruppe im Blick zu behalten. Investitionen in Struktur, Personal und Ausstattung sind deshalb keine Kostenfrage. Sie sind eine Frage der Qualität – und letztlich eine Frage der Haltung gegenüber Kindern und ihren Rechten.
Die DRK Kindertageseinrichtungen in Hamm haben diese Geschichte guten Gelingens inklusiver Arbeit im Rahmen unserer diesjährigen Fachtagung „Kleine Schritte - große Wirkung: Inklusion als gelebtes Profil in DRK-Kitas“ im Februar in Leipzig vorgestellt.
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In der Podcast-Episode “Mit Sprache Brücken bauen – Inklusion in DRK-Kindertageseinrichtungen" erfahren Sie zudem welche Rolle Sprache für Inklusion in der Kita spielt.