Wirkungsorientierung

Dr. Joß Steinke, Bereichsleiter Jugend und Wohlfahrtspflege
Foto: Dr. Joß Steinke

Liebe Leserinnen und Leser,

in der gesellschaftspolitischen Topografie hat die Vermessung der Wirksamkeit (in) der Freien Wohlfahrtspflege gerade Konjunktur. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die aktuelle Debatte jedoch keineswegs neu ist. Fachliche Debatten und Untersuchungen über die Wirkungen gemeinnütziger Arbeit gibt es schon seit mindestens 30 Jahren. Die Durchführung von Wirkungskontrollen ist zudem seit Jahren schon Bestanteil zuwendungsrechtlicher Vorgaben (Vgl. VV zu § 7 BHO). Auch einzelne Handlungsfelder wie die Entwicklungspolitik oder Jugendhilfe (siehe www.wirkungsorientierte-jugendhilfe.de) haben sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht, die Wirksamkeit ihrer Arbeit zu verstetigen und mit Wirkungsnachzuweisen zu hinterlegen. Anders als in den fachlichen Debatten der Vergangenheit wird die aktuelle Debatte jedoch nicht von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege getrieben, sondern von Akteuren außerhalb der Freien Wohlfahrtspflege. Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege geraten hierbei zunehmend ins Interessenfeld von privat-gewerblichen Anbietern sozialer Dienstleistungen, Social Entrepreneurs und hybriden Beratungsgesellschaften, die sich als Mittler zwischen öffentlichen und privaten Mitteln und Interessen einerseits und der Zivilgesellschaft andererseits verstehen. Einer Investorenlogik folgend, versprechen diese Akteure eine Entlastung öffentlicher Kassen und innovative Lösungen zur effizienteren und effektiveren Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Hierbei treffen sie zunehmend auf eine neue Generation von Entscheidern in Politik und Verwaltung, die zum Teil keine oder eher geringe Kenntnisse über die spezifische Rolle der Freien Wohlfahrtspflege haben. Ungeachtet der Frage, ob es sich bei ihren Angeboten um einen neuen Goldstandard oder doch nur eine vergoldete Attrappe handelt, macht die aktuelle Debatte deutlich, dass die Vergabe öffentlicher Mittel und die Akquise privater Mittel zunehmend an die Erbringung von Wirkungsnachweisen gekoppelt werden wird.

Vor diesem Hintergrund ist das DRK gefordert, die "neue Wirkungsdebatte" nicht nur interessiert zu beobachten, sondern sich aktiv an ihr zu beteiligen, um die Definitionsmacht und -hoheit über die Verteilung künftiger Bundes- und Landesmittel sowie privater Mittel nicht den oben angeführten Akteuren zu überlassen - mit selbstbewusstem wie auch selbstkritischem Blick auf die seit mehreren Jahrzehnten zum Thema "Wirkungen" schon gemachten Hausaufgaben. Hierauf haben wir im Bereich Jugend und Wohlfahrtspflege bereits reagiert, in dem wir uns auf den Weg gemacht haben, Projekte, die wir selbst durchführen, von Anfang an wirkungsorientierter auszugestalten. Um zu vermeiden, als Träger der Freien Wohlfahrtspflege auf die Rolle eines reinen Erbringers entgeltfinanzierter sozialer Dienstleistungen reduziert zu werden, müssen die Aspekte unserer Arbeit in den Vordergrund gerückt werden, die uns als Verband beispielsweise gegenüber privat-gewerblichen Anbietern sozialer Dienstleistungen unterscheiden und damit unsere besondere Stellung im Sozialstaat legitimieren. Hierzu gehören unsere Aktivitäten rund um die individuelle und sozialpolitische Anwaltschaft, die sozialintegrativen Aktivitäten im Sozialraum sowie unsere Aktivitäten zur Stärkung der sozialen Verantwortung in der Bevölkerung, deren Wirksamkeit künftig mit entsprechenden Nachweisen zu hinterlegen sein wird.

Im Zuge der Umstrukturierung des Bereiches Jugend und Wohlfahrtspflege haben wir auf diese Entwicklungen reagiert und die Aufgabenfelder "Wirkungsorientierung" und "Statistik, Monitoring und Evaluation" im Bereich installiert. Neben der Entwicklung eines einheitlichen Verständnisses von Wirkungsorientierung und eines Praxis-Leitfadens, der Leitungskräfte, Entscheidungsträger*innen und Projektverantwortliche bei der Ausrichtung auf und dem Erfassen und der Dokumentation von Wirkungen unterstützen soll, sollen mit der Entwicklung eines Assessment-Tools sowie eines Qualifizierungsangebotes für Einsteiger*innen, die erforderlichen organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, das Thema "Wirkung" im Verband stärker zu verankern. Den Auftakt hierzu bildete ein Vortrag, den Thomas Bibisidis, Referent für Wirkungsorientierung im DRK-Generalsekretariat (bibisidt@drk.de oder 030/85404-395), im Rahmen der Landestagung der Gemeinschaft Wohlfahrts- und Sozialarbeit (WuS) des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) am 7. Juli 2017 in Lauf hielt und den Teilnehmenden einen Einblick in den inhaltlichen und konzeptionellen Stand zur Wirkungsorientierung und -messung (in) der Freien Wohlfahrtspflege bot. "Die Wirkung der Rotkreuztätigkeit in der BRK-Gemeinschaft WuS muss noch offensiver vorgestellt und publiziert werden. Wichtig ist uns dabei, das dies in Projekten mit umsetzbaren Schritten erfolgt", so Bernhard Peterke, Beauftragter der Gemeinschaft WuS für den BRK-Landesvorstand im Anschluss an den Vortrag. Ein Praxis-Input im DRK Landesverband Westfalen-Lippe und ein eintägiger Workshop für Einsteiger*innen mit dem DRK Landesverband Nordrhein folgen Ende dieses Jahres.

Eine weitere Herausforderung, der wir uns im Bereich Jugend und Wohlfahrtspflege gemeinsam mit den DRK-Mitgliedsverbänden stellen werden, ist die Beantwortung der Frage, wie wir die unterschiedlichen Wirkungsdimensionen auf den unterschiedlichen Ebenen des Verbands erfassen wollen. Denn die Wirkungen eines Bundesverbands sind anders als die einer Einrichtung vor Ort. Sie beeinflussen sich jedoch wechselseitig. An der Stelle gilt es, noch einmal genau hinzuschauen. Das ist keineswegs trivial und wird uns noch einiges an Konzeptionsarbeit und verbandsinterner Abstimmung abverlangen.

Ihr

Dr. Joß Steinke

Bereichsleiter Jugend und Wohlfahrtspflege