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Dr. Joß Steinke, Bereichsleiter Jugend und Wohlfahrtspflege

Zwischenruf

Joß Steinke, Bereichsleiter Jugend und Wohlfahrtspflege
Joß Steinke, Bereichsleiter Jugend und Wohlfahrtspflege

Dr. Joß Steinke hat den Bereich Jugend und Wohlfahrtspflege im DRK-Generalsekretariat im Februar 2016 übernommen. Er war nach und während seiner Promotion im Fach Politikwissenschaft mehrere Jahre lang als Wissenschaftler für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und in Berlin tätig und konnte Ende 2011 in die Wohlfahrtspflege wechseln – eine bewusste Entscheidung für ein Themen- und Aufgabengebiet mit zentraler Bedeutung für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Von 2011 an war Steinke etwas mehr als vier Jahre lang Leiter der Abteilung Arbeit/Soziales/Europa im AWO Bundesverband.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste und Freunde des DRK,

ich möchte sehr gerne die Gelegenheit nutzen, mich zunächst bei Ihnen allen zu bedanken. Es ist sehr schön für uns alle hier, dass so viele gekommen sind. Bitte unterschätzen Sie das nicht, so eine engagierte Teilnahme ist für uns auch eine Ermutigung, die sich in der täglichen Arbeit auswirkt.

Denn jenseits der inhaltlichen Anregungen und Debatten ist Ihr Engagement gestern und heute bei diesem Kongress für uns im Generalsekretariat auch eine Botschaft, dass wir in der spitzenverbandlichen Wohlfahrtsarbeit einen engagierten und starken Verband hinter uns haben, mit vielen Menschen, die natürlich täglich für den Erfolg in ihrem Kreis und ihrer Region kämpfen, denen aber etwas am Großen und Ganzen liegt, am Zusammenhalt im ganzen DRK.
Und gerade heute, da alle Zeichen auf Veränderung stehen, sind solche Signale wichtig – ich danke Ihnen sehr!

Mich selbst ganz persönlich bewegt dies, weil ich erst seit Februar diesen Jahres Rotkreuzler bin. Und meine Aufgabe war es zunächst, im Haus Prozesse zu managen, neu zu gestalten und hier vor Ort die Arbeit mit den Kollegen aufzunehmen. Ich bin selbst noch nicht allzu viel dazu gekommen, die Mitgliedsverbände zu besuchen. Umso schöner ist es dann eben für mich, dass ich Sie alle hier habe und heute zu Ihnen sprechen kann.

Mein ganz persönliches Ziel ist es, das wird Sie hoffentlich nicht wundern, die Wohlfahrtsarbeit des DRK zu stärken. Und darauf zielt auch die Neuorganisation unseres Bereichs Jugend und Wohlfahrtspflege ab. Was unsere neue Bereichsstruktur anbelangt, wollte ich hier nicht zu viel sagen, dafür eignet sich das Format eines „Zwischenrufs“ nicht.

Mir geht es eher darum, ein paar grundsätzliche Dinge anzusprechen. In diesem Sinne möchte ich in den verbleibenden knapp zehn Minuten drei Fragen beantworten bzw. mich einer Antwort nähern:

  • Wie sieht unsere grundsätzliche Interpretation der Rolle als Bundesverband aus? Welche Ziele haben wir, was gehen wir an, um den Gesamtverband zu stärken?
  • Was ist Ihr Beitrag zu einem Erfolg auf der Bundesebene? Der ist nämlich von großer Bedeutung und wirklich jeder von Ihnen kann einen Beitrag leisten.
  • Wo stehen wir beim nächsten Wohlfahrtskongress, wenn wir alle wieder zusammenkommen?

„Was heißt es heute Spitzenverband zu sein“

Zum ersten Punkt: Was heißt es denn heute Spitzenverband zu sein und das DRK als Gesamtverband hier zu vertreten?

Sie wissen wahrscheinlich, dass wir uns diese Frage in den letzten Monaten systematisch und intensiv gestellt haben.
Wir sehen unsere Aufgabe darin, das DRK in den Debatten zu stärken, als Verband mit eigenständigen Positionen zu platzieren und dabei genau die Themen aufzugreifen, die auch hier in diesem Kongress diskutiert werden.

Was heißt denn Digitalisierung für den Sozialstaat und vor allem: Für soziale Dienstleistungen? Welche Chancen ergeben sich dabei? Aber auch: Wer bleibt dabei auf der Strecke, wenn wir nicht achtgeben? Wie sieht in einer sich schnell verändernden Welt der Beitrag des Ehrenamts aus, was müssen wir tun, um insbesondere auch Jüngere für die vielfältigen, ehrenamtlichen Aktivitäten der Wohlfahrtsarbeit zu begeistern und insgesamt flexibel zu sein für die unterschiedlichsten Beteiligungsformen, damit Viele bei uns mitmachen?

Wir haben uns vorgenommen, gesellschaftliche Trends und Herausforderungen noch konsequenter aufzugreifen und dies konsequent aus Sicht des DRK. Wir wollen in der Fachöffentlichkeit wirken und in der Politik und selbstverständlich im eigenen Verband.

Hier bin ich sehr optimistisch. Und es ist natürlich auch unser Job, immer wieder eine Bresche zu schlagen für die gemeinnützige Arbeit des DRK. Wir sehen, dass Gesprächspartner auf der Bundesebene immer öfter gar nicht wissen, was uns unterscheidet von gewinnorientierten Anbietern oder allenfalls eine diffuse Vorstellung darüber haben. Wir müssen uns aber unterscheidbar machen und verdeutlichen: Unsere Träger, Dienste und Einrichtungen handeln wirtschaftlich und müssen in einem teilweise harten Wettbewerb bestehen. Sie sind aber letztlich dem Gemeinwohl verpflichtet. Das heißt, unsere Geschäftsführer sind eben nicht ausschließlich Business-Leute, sondern sie leisten vor allem einen Dienst an der Gesellschaft und das heißt natürlich auch und vielleicht sogar vor allem die Stärkung und den Ausbau des Ehrenamtes bzw. Freiwilligenmanagements als die wichtigste Grundlage unseres Verbandes.

Und das müssen wir nicht rechtfertigen, meine Damen und Herren, sondern das müssen wir nur hin und wieder ins rechte Licht rücken. Wir sind eine tragende Säule des Sozialstaats, nicht weniger!

„Wir möchten als Bundesverband Impulse setzen“

Und noch etwas haben wir uns in diesem Zusammenhang vorgenommen: Wir möchten als Bundesverband Impulse setzen, um uns – damit meine ich gerade auch Dienste und Einrichtungen – ein klares und von anderen unterscheidbares Profil zu geben.

Wer Einrichtungen besucht, der soll das Besondere des Roten Kreuzes sehen und spüren und merken, dass hier wertgebunden gearbeitet wird. Der soll Bilder sehen von einer Rotkreuzlerin im Kältebus, von jugendlichen Paten, die Flüchtlingen helfen oder Schüler aus benachteiligten Lebensverhältnissen unterstützen oder auch von Helfern in Syrien, die klarmachen, dass er die Einrichtung einer weltweiten Gemeinschaft betreten hat. Der soll spüren, dass dieser Verband da ist, wenn sonst gar nichts mehr geht, der soll auch ein Gefühl bekommen, Teil einer starken und ganz besonderen internationalen Gemeinschaft und Wertegemeinschaft zu sein.

Hier möchten wir gerne einen Beitrag leisten. Das bedeutet natürlich auch Arbeit für Sie, meine Damen und Herren, aber es lohnt sich, denn davon haben wir am Ende alle etwas.

Ich habe Ihnen hier nur ein paar Aspekte genannt, die Aufgaben des Bundesverbands in der Wohlfahrtsarbeit sind und bleiben vielfältig.

Aber ich hoffe, dass für Sie ein klares Profil des Bundesverbands erkennbar wird: Wir vertreten Sie im Bund, wir werden aktiv in den gerade aktuellen grundsätzlichen Diskussionen, wir setzen Impulse in den Verband und bieten Unterstützung in Form von Informationen, Handreichungen und Rahmensetzungen.

Im Grunde ist es ganz einfach: Wir sind alle auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält, nach dem Verbindenden. Gerade heute, da so Vieles unsicher scheint. Auch deswegen sind Sie alle nach Berlin gekommen. Und hier haben wir auf der Bundesebene eine besondere Rolle. Wir wollen dieses Verbindende erhalten und stärken. Das geht am Ende nur gemeinsam. Und ich bin sicher, dass es uns auch gemeinsam gelingt.

Und „gemeinsam“ ist das Stichwort. Ich möchte an diesem Beispiel gerne verdeutlichen, wie sehr wir Sie und Ihr Engagement brauchen. Eine der zentralen spitzenverbandlichen Aufgaben ist die Interessenvertretung. Wir vertreten die Interessen derjenigen, die unseren Schutz, unsere Unterstützung, unsere Stimme brauchen. Wenn wir uns für die Rechte von Asylsuchenden einsetzen, wenn wir Kinderarmut artikulieren, wenn wir Nachbesserungen im Bundesteilhabegesetz fordern, damit Menschen mit Behinderung inkludiert werden.

Wir setzen uns ein für einen Ausbau und eine Modernisierung des Sozialstaats im Interesse des Gemeinwohls und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Aber wir fördern diesen Zusammenhalt in unserem Land ganz konkret, indem wir Ihre Stimme sind und Ihre Interessen hier in Berlin vertreten.

Und damit, meine sehr verehrten Damen und Herren, bin ich beim zweiten Teil meines Zwischenrufs, also bei der Frage: Was ist Ihr Beitrag zu einem Erfolg auf der Bundesebene? Der ist nämlich von großer Bedeutung!

„Ihr Bundesverband lebt auch von Ihrem Engagement“

Wenn wir eingeladen werden, um zum Beispiel Gesetzesentwürfe zu kommentieren oder rechtliche Regelungslücken zu thematisieren, dann bin ich als Vertreter des DRK immer auch Vertreter der Praxis. Denn unsere Gesprächspartner wollen von uns eigentlich nicht nur wissenschaftliche Analyse und akademisch basierte Ratschlage – das sicher manchmal auch – aber am besten wirken wir immer, wenn wir sehr konkret werden.

Nun bin ich ja sicher irgendwie wohl ein typischer Verbandsmitarbeiter. Ich habe mal hier und da was gesehen und hatte in meiner Biografie auch die eine oder andere Station. In der Praxis war ich jedoch nie. Und das ist auch gar nicht so schlimm. Was ich aber brauche, und jetzt rede ich wieder von uns allen im Bereich, sind klare und konkrete Beispiele, möglichst mit echten Fällen aus unserem Verband. Und das möglichst aktuell und plausibel.

Wenn vor Ort die Rahmenbedingungen – gerade auch im Engagement mit Geflüchteten – schlecht oder eingeschränkt sind, dann brauchen wir diese Informationen und am besten auch noch mit ganz klaren und individuellen Botschaften und Beispielen von Menschen, die betroffen sind.

Mit solchen Botschaften können wir am besten bundespolitisch Einfluss nehmen. Wir spüren auch, wie sehr wir Gehör finden, wenn wir ganz klar machen können, dass Menschen von Regelungen profitieren oder gerade nicht profitieren.

Ich nenne Ihnen ein aktuelles Beispiel: In vielen Fällen basieren Einrichtungen und Unterkünfte für unterschiedliche Gruppen auf Mietverträgen. Jetzt wird Raum in vielen Gebieten, unter anderem hier in Berlin, immer knapper. Weil es sich aber nicht um Verträge nach sozialem Mietrecht, sondern in aller Regel um Gewerbemietverträge handelt, fliegen die gemeinnützigen Einrichtungen vergleichsweise schnell raus.

Eine Bundestagsabgeordnete der Regierungsfraktion hat uns darauf aufmerksam gemacht. Vielleicht lässt sich hier eine Regelungslücke schließen, aber dafür brauchen wir dann dringend Beispiele. Wir brauchen Fälle, in denen dies droht oder schon passiert ist, wir brauchen Namen der Häuser, Stand der Verhandlung und möglichst konkrete Hinweise zu den Menschen, die auf der Straße sitzen oder zumindest leiden, wenn nichts getan wird.

Ich will damit nur etwas illustrieren, aber das sind durchaus aktuelle und reale Beispiele, also kommen Sie gern auf mich zu, wenn Sie Kenntnisse dazu haben.

Mir geht es übrigens nicht um direkte Kommunikation. Es bleibt dabei: Wir an die Landesverbände und die an die Kreisverbände und auf demselben Weg wieder zurück.

Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir hier im Bund erfolgreicher sind, wenn wir möglichst viele Beispiele und Kenntnisse von der konkreten Arbeitsebene haben. Wir können dann einfach überzeugender argumentieren.

Und wenn wir hier erfolgreich sind, dann erreichen wir auch etwas für Sie, dann sind wir als Verband stark, dann wirkt sich das auch positiv auf Sie auf.

Am Ende ist es ganz einfach, das war mein zweiter Teil in diesem Vortrag: Ihr Bundesverband lebt eben auch von Ihrem Engagement. Daher bleibt es dabei: Wie bisher klicken Sie jeden Morgen als erstes auf die DRK-Wohlfahrtsseite im Internet, daran müssen wir nichts ändern.

Ich habe Ihnen hoffentlich heute Morgen einen nachvollziehbaren Einblick in unsere strategische Ausrichtung gegeben. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesamtausrichtung auf die spitzenverbandlichen Tätigkeiten im Sinne des gesamten Verbands ist. Und ich habe an Sie appelliert: Ohne Sie, ohne Ihr Engagement können wir wenig ausrichten.

„Wo stehen wir 2019?“

Aber ich hatte ja angekündigt, dass ich drittens noch kurz einen Blick auf 2019 werfe. Wo stehen wir dann, was machen wir zum Thema?

Zum einen wollen wir uns stärker als DRK zeigen und eigene Schwerpunkte in der Wohlfahrtsarbeit setzen. Deswegen denken wir darüber nach, ob wir einen Teil des Kongresses beim nächsten Mal eben auch für externe Teilnehmer öffnen. Zum Beispiel aus den anderen Bundesverbänden, aus dem Bundestag, aus Ministerien und aus wissenschaftlichen Instituten in Berlin.

Zum anderen haben wir mit den Themen Digitalisierung und Innovationen ein paar Punkte gesetzt und in der Öffentlichkeit platziert und können auf einer ganz anderen Basis über Chancen und Risiken sprechen, als dies heute möglich ist. Und drittens sind wir einen weiteren Schritt vorangekommen, das Gemeinsame im Gesamtverband zu betonen – das ist gerade in diesen Zeiten zentral.

Und dann kommen auch ganz sicher wieder viele Leute, um diesen Kongress zu besuchen. Und trotzdem, so ein Kongress läuft nie von alleine. Diese Veranstaltung ist auch ein Ausweis unseres Engagements für den Verband, es steckt jede Menge Arbeit darin, das ist immer so.

Und deswegen schließe ich meinen Zwischenruf mit einem herzlichen Dankeschön an alle die Kolleginnen und Kollegen, die mit organisiert und mitgestaltet haben, die die Workshops übernommen haben, die in den letzten Tagen mitgefiebert haben, ob alles klappt und ob alle kommen.

Das war und ist eine Gesamtbereichsleistung, an der im Prinzip fast alle mitgewirkt haben.

Und trotzdem erlaube ich mir, drei Kollegen besonders zu danken, weil Sie in besonderer Weise Verantwortung hatten, den Gesamtüberblick behalten und sich besonders eingesetzt haben. Das sind Herr Betz, Herr Fehrecke und Frau Henkelmann. Diese drei schlafen heute besonders gut, denn es ist eine tolle Veranstaltung, die zum Glück ja auch noch nicht vorbei ist – in diesem Sinne freue ich mich nun sehr auf den heutigen Tag mit Ihnen allen.