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Infoshop 4

Freiwilligenmanagement in europäischen Rotkreuz-Gesellschaften

Johannes Guger (ÖRK) stellte in seinem Input u.a. das "Team Österreich" vor.

Referenten: Matthias Betz, Johannes Guger, Dr. Nadezhda Todorovska, Marc Crochet

Matthias Betz, stellvertretender Teamleiter "Hauptaufgabenfelder, Ehrenamt, Leistungsfragen und Projekte" im DRK-Generalsekretariat, begrüßte die Teilnehmenden und Referent*innen aus drei europäischen RK-Gesellschaften und führte in die Thematik aus DRK-Sicht ein. Er stellte die Fragen: „Ist das klassische Ehrenamt (verbindliche Mitgliedschaft) noch attraktiv? Oder müssen wir umdenken, weil der Konkurrenzdruck durch andere Verbände bzw. Anbieter steigt und die Projektarbeit oder das Engagement der sog. „ungebundenen Helfenden“ die Zukunft ist?“ 

Im Anschluss berichtete Johannes Guger, Bereichsleiter Jugend, Freiwilligkeit und Organisationsentwicklung im Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK), über die Herausforderungen der traditionellen und die zunehmende Bedeutung der spontanen Freiwilligkeit.

Das ÖRK hat darauf u. a. mit dem „Team Österreich“ reagiert. Dort sind aktuell ca. 45.000 Personen erfasst, die im Notfall (Hochwasser, Flüchtlingssituation 2015) per SMS benachrichtigt werden und spontan Hilfe leisten. Diese Freiwilligen sind keine ÖRK-Mitglieder und auch nicht regelmäßig im ÖRK aktiv, d.h. hier liegt die Herausforderung darin, die richtige Balance zwischen „Bindung“ und „außerhalb der Organisation“ zu finden. Für die Zukunft wird es ebenso zentral sein, Formen der Zusammenarbeit mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren zu definieren, so Guger. Er stellte die These auf, dass nicht alleine das RK sondern „die Zivilgesellschaft“ entscheidet, welche Projekte und Maßnahmen sinnvoll und umsetzbar sind. Das ÖRK setzt hier auch auf das Zusammenspiel von „traditionellem Ehrenamt“ mit „spontaner Mitwirkung“ und der Kooperation mit „Netzwerken“. Konkrete Überlegungen bzw. Pilotprojekte sind z.B. „Initiative Nachbarn“ oder „Ideegration.at“ (u.a. mit Ashoka).

Danach referierte Dr. Nadezhda Todorovska, Stellvertretende Generaldirektorin, Leitung Wohlfahrtspflege und Abteilung operationelle Aktivitäten im Bulgarischen Roten Kreuz, über das Engagement für ältere Menschen, die vielfach von Armut und Isolation betroffen sind. Sie werden zum einen gesundheitlich versorgt und zum anderen aktiv in die Gemeinschaft eingebunden. Sie partizipieren an Entscheidungen, die sie betreffen, und helfen als Freiwillige Bedürftigen unterschiedlicher Altersgruppen, z. B. bei der Nahrungsmittelhilfe, im Katastrophenfall, der häuslichen Pflege oder jungen Menschen und jungen Familien. So soll die Solidarität zwischen den Generationen gefördert und ältere Menschen als Ressource in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Dabei betonte sie, dass die Schulung der insgesamt 1.500 freiwilligen Helfer entscheidend ist, aber finanzielle Ressourcen erfordert.

Anschließend berichtete Marc Crochet, Stellvertretender Generalsekretär des Luxemburgischen Roten Kreuzes, über die Kooperation mit neuen zivilgesellschaftlichen Initiativen während der Syrienkrise 2015. Soziale Medien spielten bei der Mobilisierung spontaner Hilfe durch Flüchtlingsinitiativen eine wesentliche Rolle. Teilweise waren die neuen Initiativen von der Hilfsbereitschaft überfordert (z.B. Altkleiderflut) und benötigten die Unterstützung etablierter Akteure. Eine der bekanntesten Aktivistinnen, die die Flüchtlingshilfe via Facebook organisiert hatte, wurde anschließend vom Luxemburgischen RK als Ehrenamtskoordinatorin hauptamtlich eingestellt. Sie soll zukünftig die Perspektive der jungen Generation einbringen und Innovationen,  Medienkompetenz, Projektmanagement etc. fördern. Ehrenamt heute, so Crochet, ist u.a. geprägt durch die Suche nach einer sinnvollen Aufgabe, der Gleichwertigkeit mit Hauptamtlichen, Eigennutz, einem sozialen Erlebnis, Gestaltungsfreiheit und Kurzlebigkeit. Als Beispiel nannte er zudem das Projekt „Hariko“, einer Künstlerresidenz, in der Künstler Workshops für Jugendliche anbieten. Hierbei steht in der Außendarstellung und -wahrnehmung weniger das RK als Projektpartner im Fokus, sondern vielmehr die Akteure. 

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen zum „Team Österreich“ gestellt, Beispiele aus dem DRK (LVe Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe) genannt sowie Erfolgsfaktoren und Risiken (Rotes Kreuz als Plattform) erörtert. Dabei wurde der Wunsch nach einer koordinierenden Rolle des Bundesverbands (u.a. Sammlung Best Practice) geäußert. Zudem wurde die Relevanz von älteren Personen als Zielgruppe betont und das Engagement des Bulgarischen RK in dieser Hinsicht gewürdigt. 

Fazit: „Vielfalt und Wandel (an-)erkennen, Öffnung für neue Wege und Formate, keine Berührungsängste vor neuen Akteuren“