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Eröffnungsrede von Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig

Eröffnungsrede

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig

Manuela Schwesig ist seit dem 17. Dezember 2013 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die 1974 in Frankfurt (Oder) geborene Diplom-Finanzwirtin arbeitete zunächst in Finanzämtern in Frankfurt (Oder) und Schwerin sowie im Finanzministerium Mecklenburg-Vorpommern und engagierte sich in der Kommunalpolitik. 2008 wurde sie Ministerin für Soziales und Gesundheit und ab 2011 Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2009 ist die Politikerin stellvertretende Parteivorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Manuela Schwesig ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie in Schwerin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Schenck zu Schweinsberg,
liebe Haupt- und Ehrenamtliche im Deutschen Roten Kreuz,
sehr geehrte Damen und Herren,

Zu Beginn möchte ich mich erst einmal bei Ihnen bedanken. Nicht nur für die gute Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Roten Kreuz und dem Bundesfamilienministerium. So sehr es mich freut, dass wir in verschiedenen Bereichen so gut zusammenarbeiten – das ist nicht alles.

Ich möchte Ihnen danken für die Arbeit, die Sie für die Menschen und das Soziale in unserem Land tun. Jeden Tag, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. Ohne die Wohlfahrtspflege, ohne das Deutsche Rote Kreuz, würde unser Sozialstaat nicht funktionieren.

Ganz konkret heißt das:

  • Das Rote Kreuz sorgt mit dafür, dass Menschen gut alt werden können.
  • Dass Kinder in die Kita gehen und ihre Eltern Beratung bekommen, wenn sie eine Mutter-Kind-Kur brauchen.
  • Dass Kinder schwimmen lernen und Wohnungslose eine Notübernachtung finden.
  • Dass Unfallopfer gerettet und Kranke wieder gesund werden.
  • Dass Menschen Blut spenden und Erste Hilfe lernen.

Ohne die Wohlfahrtspflege, ohne das Deutsche Rote Kreuz, wäre unser Land weniger sozial, weniger menschlich und weniger funktionstüchtig. Unser Land wäre auch weniger offen und weniger demokratisch.

Das Deutsche Rote Kreuz ist ein wichtiger Partner im Bundesprogramm „Demokratie leben!“

Das Deutsche Rote Kreuz ist ein wichtiger Partner im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander. Ich möchte mich auch ganz ausdrücklich bei Ihnen für den Einsatz des DRK für geflüchtete Menschen bedanken. Ich will Ihnen drei Beispiele aus unserer Zusammenarbeit im Programm „Demokratie leben!“ geben. Sie zeigen, wie das Deutsche Rote Kreuz eine Willkommenshaltung gegenüber geflüchteten Menschen mit seinem Einsatz für das Soziale verbindet.

  • In Parchim arbeiten die Fachkräfte einer Kita schon länger eng mit einer Gemeinschaftsunterkunft zusammen. Jetzt wollen sie „Komm-Strukturen“ schaffen, also auf neu angekommene Familien zugehen und Vertrauen schaffen, noch bevor die Kinder in die Kita kommen. Sie wollen Eltern stark machen in der neuen Umgebung und früh die Weichen stellen für eine gute Integration der Kinder.
  • In Warin in Nordwestmecklenburg kommen geflüchtete Menschen in einem Stadtteil unter, in dem vor allem ältere Menschen und Menschen mit kleinen Einkommen leben. Der Kreisverband des DRK schafft dort in einem Netzwerk zusammen mit der Stadt, dem Flüchtlingshilfeverein und einer Frauengruppe einen Stadtteiltreff. Alle sollen voneinander profitieren: die geflüchteten Menschen von persönlichen Begegnungen, die Einheimischen von neuen kulturellen und geselligen Angeboten

Solche zwanglosen Begegnungen sind auch das beste Mittel gegen Vorurteile. Mal stehen Kinder, mal ältere Menschen im Mittelpunkt, weil das Deutsche Rote Kreuz eben generationenübergreifend aktiv ist.

  • In Witten geht es um Jugendliche. Da lernen geflüchtete Jugendliche nicht nur schwimmen beim Roten Kreuz, sondern gleich auch noch einen Schwimmbad-Knigge. Wie muss ich mich in Deutschland im Freibad verhalten, ohne anderen zu nahe zu treten? Werte und Regeln sind wichtig, aber wenn Neuankömmlinge sie beachten sollen, müssen sie sie auch gesagt bekommen.

Eine Antwort auf die Frage, wie das Deutsche Rote Kreuz ein Zeichen setzen kann für Engagement und Personal der Zukunft, ergibt sich für mich aus diesen Beispielen von selbst. Durch gute Arbeit!

Die Vielfalt dessen, was man im Deutschen Roten Kreuz machen kann, und die Möglichkeit, für Menschen tatsächlich etwas zu bewirken, machen das Deutsche Rote Kreuz attraktiv. Für Hauptamtliche und für Ehrenamtliche.

Aber wir wissen alle, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist.

Deshalb will ich hinzusetzen: Personal gewinnt man durch gute Arbeit und gute Arbeitsbedingungen! Gute Arbeitsbedingungen: Darunter verstehe ich vor allem die Wertschätzung der sozialen Berufe, Wertschätzung der Ehrenamtlichen und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Sprechen Sie die Menschen an, die sich bisher weniger engagieren!“

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig

Eine Besonderheit der Wohlfahrtspflege in Deutschland ist die traditionell große Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements.

  • 30,9 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich,
  • 400.000 davon im DRK, wenn ich auf dem neuesten Stand bin. Das soziale Engagement ist dabei ein wachsender Bereich.
  • 8,5 Prozent aller Menschen in Deutschland sind sozial engagiert! Dieser Wert hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Sicherlich ist auch die Anzahl der Initiativen und Projekte gestiegen, in denen man sich engagieren kann.

Viele Vereine vor Ort machen zudem die Erfahrung, dass die Engagierten weniger Zeit haben. Das macht es schwieriger, zum Beispiel für ehrenamtliche Vorstände jemand zu finden. Aber am Willen zum Engagement mangelt es nicht.

Ich kann Sie deshalb nur in dem bestätigen, was Sie sich in der Strategie 2020 vorgenommen haben. Sprechen Sie die Menschen an, die sich bisher weniger engagieren! Das gilt für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, aber auch für Frauen, gerade was ehrenamtliche Führungspositionen angeht. Und was ich gleich über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Hauptamtlichen sagen werde, gilt auch im ehrenamtlichen Bereich. Ein Ehrenamt muss mit Berufstätigkeit und Familie vereinbar sein.

Ich weiß, dass es nicht leicht ist, diesen Grundsatz bei der Terminierung von Sitzungen oder Aktionen immer zu berücksichtigen. Aber wenn Sie Frauen für ein Ehrenamt gewinnen wollen, müssen Sie bedenken, dass die meisten Frauen schon zwei Ämter haben: Sie sind Mütter und Erwerbstätige.

„Nutzen Sie die Möglichkeiten der Freiwilligendienste!“

Ein weiterer Rat, mit dem ich bei Ihnen sicher offene Türen einrenne: Nutzen Sie die Möglichkeiten der Freiwilligendienste!

Das Deutsche Rote Kreuz ist im Freiwilligen Sozialen Jahr mit 13.000 Freiwilligen jetzt schon die größte Zentralstelle. Das FSJ ist attraktiv. Nicht wenige Freiwillige bleiben dem Engagement erhalten, auch nach dem Dienst. Freiwilligendienste sind ein besonderes Engagement, weil sie ausdrücklich auch Lerndienste sind.

Die Evaluation im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass die Freiwilligendienste diesem Anspruch gerecht werden. Freiwillige berichten vor allem immer wieder von der sozialen Kompetenz, die sie im Verlauf ihres Einsatzes gewinnen. Das FSJ ist mittlerweile über 50 Jahre alt und überhaupt nicht altmodisch.

Trotzdem probieren wir gerade mit dem Deutschen Roten Kreuz in Sachsen-Anhalt und mit dem Kulturbüro Rheinland-Pfalz etwas Neues aus: das FSJ-Digital. Damit wollen wir Jugendliche ansprechen, die vielleicht von sich aus gar nicht auf die Idee kämen, dass soziales Engagement etwas für sie ist, die sich aber für Computer oder soziale Netzwerke interessieren.

Das, was sie mit digitalen Medien können, geben sie im FSJ-Digital weiter: zum Beispiel an ältere Menschen oder an zivilgesellschaftliche Initiativen. Das FSJ-Digital ist kein Konkurrenz-FSJ, sondern soll nach Beendigung der Pilotprojekte Anregungen geben, die alle Träger im normalen FSJ und FÖJ einsetzen können. Dass Jugendliche erst im Freiwilligen Sozialen Jahr merken, wie spannend der soziale Bereich ist, gilt aber nicht nur für das digitale FSJ.

Immer wieder gibt es Freiwillige, die während des Dienstes merken oder sich bestätigt fühlen: Das, was ich hier mache, passt zu mir. Das wäre auch beruflich etwas für mich.

Das Deutsche Rote Kreuz hat sich in seiner Strategie 2020 bewusst vorgenommen, Freiwilligendienste als Türöffner für Hauptamtliche und Ehrenamtliche im DRK zu nutzen. Wir können gern einmal gemeinsam überlegen, wie wir solche Impulse gezielter setzen und junge Menschen verstärkt an soziale Berufe heranführen können.

„Wir müssen die sozialen Berufe aufwerten“

Denn das, meine Damen und Herren, ist eine Großbaustelle für die nächsten Jahrzehnte.

Wenn wir wollen, dass das Soziale weiter funktioniert in unserem Land, wenn wir wollen, dass Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, gute Hilfe bekommen, und dass immer genügend Menschen bereit sind, diese Arbeit gut zu machen: Dann müssen wir die sozialen Berufe aufwerten.

Mit gut 5,6 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten haben die Berufe in der Sozialen Arbeit, Gesundheit und Pflege, Erziehung und Bildung einen Arbeitsmarktanteil von knapp 18 Prozent.

Dieser Anteil wird weiter wachsen, allein wegen des demografischen Wandels. Arbeitslosigkeit braucht in den sozialen Berufen niemand zu befürchten.

Aber warum sollen die Beschäftigten für die Wahl eines sozialen Berufs mit schlechten Einkommens- und Entwicklungsperspektiven büßen? 84 Prozent dieser Beschäftigten sind Frauen. Wir nehmen nicht nur eine ungünstige Entwicklungsperspektive für einen der wichtigsten Bereiche unseres Arbeitsmarkts hin, sondern auch massive Nachteile und Ungerechtigkeiten für Frauen. Das fängt in der Ausbildung an.

Während in den typischen Männerberufen in der meist dualen Ausbildung eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird, gehen angehende Erzieherinnen und Erzieher oder Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten leer aus. Mehr noch: Sie müssen zum Teil sogar noch Geld bezahlen, um ausgebildet zu werden. In Hamburg zum Beispiel kostet die Ausbildung zum Logopäden beziehungsweise zur Logopädin etwa 18.000 Euro für Schulgeld und Material.

Auf unsere Initiative hin berät der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur Reform der Pflegeberufe. Es ist ein umfassendes Gesetz zur Aufwertung des Pflegeberufs und der Ausbildung. Es modernisiert die Ausbildung, verbessert die Qualität und schafft durch ein neues Berufsbild auch neue Arbeits- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen.

Außerdem sichern wir mit dieser Reform bundesweit für 40 Prozent aller Auszubildenden in den sozialen Berufen:

  • dass die Pflegeausbildung vergütet wird,
  • dass die Auszubildenden kein Schulgeld zahlen müssen
  • und dass sie während ihrer Ausbildung bereits sozialversichert sind.

„Beseitigung der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen“

Durch die Abschaffung des Schulgelds in einem bislang typischen Frauenberuf ist das Pflegeberufsgesetz auch ein Beitrag zur Beseitigung der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Insgesamt beträgt diese Lohnlücke in Deutschland 21 Prozent bei den Bruttostundenlöhnen. In diesen 21 Prozent stecken verschiedene Ursachen. Oft ist gar nicht sichtbar, dass Frauen für gleiche oder gleichwertige Arbeit weniger verdienen als Männer.

Deshalb geben wir Beschäftigten in Betrieben ab 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit dem Entgelttransparenzgesetz einen individuellen Auskunftsanspruch. Es wird transparenter, was Kolleginnen und Kollegen für gleiche oder gleichwertige Arbeit bekommen,und dadurch werden Lohnungerechtigkeiten sichtbarer. 

Aber in den 21 Prozent steckt eben auch die traditionell schlechtere Bezahlung für soziale Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Wir müssen die sozialen Berufe aufwerten, um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen und um auch in Zukunft Menschen für diese Berufe zu gewinnen.

Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger fördern

Nun liegt die Frage nahe: Wenn 84 Prozent der Beschäftigten in sozialen Berufen Frauen sind, warum gewinnen wir nicht mehr Männer?

Wir machen tatsächlich die Erfahrung, dass Männer sich durchaus für soziale Berufe interessieren. Die Zahl männlicher Erzieher hat sich seit 2009 beinahe verdoppelt. Für Jungen und Mädchen in der Kita sind diese Männer wichtige Rollenvorbilder. Sie sehen von Anfang an: Das ist auch eine Arbeit für Männer.

Wir setzen hier auch auf das Interesse von Männern – und Frauen –, die in anderen Berufen gearbeitet haben und wechseln wollen. Das Bundesfamilienministerium hat im letzten Jahr das Modellprogramm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ gestartet, das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert wird.

Wir wollen damit Impulse für den Ausbau erwachsenengerechter Ausbildungen in den sozialen Berufen geben. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger werden bereits sozialversicherungspflichtig beschäftigt und entsprechend vergütet.

Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass mehr soziale Berufe auch als Umschulungsmaßnahmen über Bildungsgutscheine durch die Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. Auf die Potenziale von Berufswechslerinnen und Berufswechslern können wir in diesem wichtigen Bereich nicht verzichten.

„Berufliche und familiäre Verantwortung stehen gleichwertig nebeneinander“

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Männer sich heute mehr für soziale Berufe interessieren als früher, liegt das noch nicht daran, dass diese Tätigkeiten besser bezahlt werden. Daran arbeiten wir noch. Eher liegt es daran, dass sich die Rollenbilder von Männern und Frauen insgesamt ändern.

Traditionelle Zuschreibungen: „Das machen Männer nicht.“ oder: „Das ist nur was für Frauen.“ sind nicht mehr so wirksam.

Wir merken das vor allem in den Familien. Acht von zehn Vätern wollen mehr Zeit für die Familie! Immer mehr Väter bevorzugen ein Familienmodell, in dem beide, Vater und Mutter, erwerbstätig sind und sich etwa gleich viel um Kindererziehung und Haushalt kümmern.

Dieser Trend kommt allmählich in der Lebenswirklichkeit der Familien an. Er ist deutlich genug, dass wir schon von einer NEUEN Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen. NEUE Vereinbarkeit heißt: Väter und Mütter teilen sich Familie und Beruf partnerschaftlich. Wir verstehen diesen Trend als Auftrag an die Familienpolitik, aber auch an die Arbeitgeber.

Familienfreundlichkeit ist mittlerweile ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um Arbeitskräfte. Viele Frauen und zunehmend auch Männer machen ihre Entscheidung für einen Arbeitsplatz mittlerweile auch davon abhängig, wie familienfreundlich es beim Arbeitgeber zugeht.

Ich weiß, dass viele Wohlfahrtsverbände gute, familienfreundliche Arbeitgeber sind. Flexible Teilzeit ist ein Grund, warum so viele Frauen in diesem Bereich arbeiten. Ich glaube auch, dass in vielen Wohlfahrtsverbänden längst das gelebt wird, was wir mit den Arbeitgebern bundesweit in einem Memorandum „Familie und Arbeitswelt“ festgehalten haben: Berufliche und familiäre Verantwortung stehen gleichwertig nebeneinander.

Aber wie viele Einrichtungen beim Deutschen Roten Kreuz bieten ihren Beschäftigten im Schichtdienst Hilfestellung bei der Kinderbetreuung zu ungewöhnlichen Zeiten? In wie vielen Einrichtungen des DRK ist Führen in Teilzeit möglich? Auch bei Arbeitgebern, die ein Bewusstsein für Familie haben und Rücksicht auf Familienverantwortung nehmen, lässt sich noch einiges verbessern.

„Politik gestaltet die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft“

Unternehmen gestalten die Rahmenbedingungen für ihre Beschäftigten. Politik aber gestaltet die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft. Beides muss zusammenwirken, damit unsere Arbeitswelt und unser Land familienfreundlicher werden.

Deshalb habe ich mein Modell für eine Familienarbeitszeit mit Familiengeld vorgeschlagen.

Das Konzept ist einfach: Eltern, die beide vollzeitnah arbeiten, erhalten ein Familiengeld. Es beträgt 300 Euro und kann bis zu zwei Jahre lang gezahlt werden, bis das Kind acht Jahre alt ist. Dadurch, dass beide in ähnlichem Umfang arbeiten und für die Familie da sind, können auch ganz alltägliche Aufgaben fairer aufgeteilt werden. Das Familiengeld bedeutet für die Väter mehr Zeit für Familie, und für mehr Mütter mehr ökonomische Selbstständigkeit und Existenzsicherung für jetzt und für das Alter.

Einen ersten Schritt in Richtung Familienarbeitszeit haben wir schon gemacht.

Letztes Jahr haben wir das Elterngeld Plus eingeführt, es erfreut sich großer Beliebtheit. Das Elterngeld Plus gibt Paaren eine flexiblere Unterstützung, insbesondere wenn sie frühzeitig nach der Geburt wieder in Teilzeit bis 30 Wochenstunden in den Beruf einsteigen wollen. Das Besondere daran ist sein Partnerschaftsbonus: Den erhalten Eltern, wenn beide zwischen 25 und 30 Stunden die Woche arbeiten und damit Familie und Beruf gleichzeitig schultern.

Auch bei der Kinderbetreuung bleiben wir weiter dran. Nicht nur, was den weiteren Ausbau angeht. Am Dienstag habe ich außerdem gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern den Stand unseres Dialogprozesses zum Thema Kita-Qualität vorgestellt. Wir reden jetzt über konkrete Qualitätsziele, und über die dafür nötigen Mittel. Der Bund übernimmt Mitverantwortung und setzt bereits Impulse für Qualität.

Mit den Programm „Kita-Plus“ unterstützen wir Einrichtungen, die Betreuungsangebote in Randzeiten schaffen. In Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes ist das zum Beispiel die Kita Am Weichpfuhl in Luckenwalde. Eine Bewegungskita mit großem Außengelände und besonderen Programmen, die die körperliche Geschicklichkeit der Kinder schulen, aber vor allem den Drang von Kindern nutzen, herumzurennen, zu toben, Dinge zu entdecken. Eine Kita mit hohem Qualitätsanspruch.

Diese Kita hat Öffnungszeiten von halb sechs morgens bis acht Uhr abends, variabel nach den Arbeitszeiten der Eltern und mit flexibler Wochenstundenzahl. Das heißt, die Kinder sind nicht 14 Stunden am Tag in der Kita. Aber die Kinder können in der Kita sein, wenn die Eltern bis abends oder im Schichtdienst arbeiten.

Auch das Programm „Sprach-Kitas“ bauen wir weiter aus. Doppelt so viele Kitas wie bisher können zu Sprach-Kitas werden und eine halbe Fachkraftstelle zusätzlich schaffen. Über 80 Kitas des DRK sind an diesem Programm beteiligt.

„Wir ziehen an einem Strang“

Damit bin ich wieder dort, wo ich meine Rede begonnen habe: bei der guten Zusammenarbeit zwischen dem DRK und dem Bundesfamilienministerium.

Ich bin davon überzeugt, dass das Deutsche Rote Kreuz Zeichen setzen kann für Engagement und Personal der Zukunft, weil ich aus der Zusammenarbeit weiß, wie gut das Deutsche Rote Kreuz arbeitet.

Ich will das unterstützen:

  • in den Freiwilligendiensten, im Bundesprogramm „Demokratie leben!“,
  • mit einer Familienpolitik für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer und mit guter Kinderbetreuung
  • und mit einer modernen Pflegeausbildung mit vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten, angemessener Ausbildungsvergütung und ohne Schulgeld.

Wer sich um Menschen kümmert, muss besser bezahlt und besser anerkannt werden.

Wir ziehen dabei an einem Strang.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und einen guten Kongress.